Abraham – Predigt

Dr. Nikolaus KrasaIm Rahmen eines Familiengottesdienstes am 2. Fastensonntag (16.03.2025) wandte sich Delegat Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt vorrangig an die Kinder. Er ging dabei auf die 1. Lesung aus dem Buch Genesis (15,5 -12.17-18) ein, in der von der Zusage Gottes an Abraham berichtet wird.


Wer ist Abra(ha)m? Alter Mann, keine Kinder, kein Zuhause.  Erinnerung an den Beginn des Credo vom vergangenen Sonntag: Ein heimatloser, eigentlich dem Untergang geweihter Aramäer war mein Vater.

Was verspricht Gott dem Abraham? Nachkommen und Kinder (übrigens nicht zum ersten Mal).

Und dann passiert ein seltsames Ritual: Er teilt Tiere und legt die beiden Hälften auf den Boden.

Worum geht es dabei? Es ist ein altes Bundesritual. Zwei, die einen Bund miteinander schließen, töten Tiere, gehen zwischen den Tierhälften durch, und das Zeichen bedeutet: Wenn ich mich nicht an den Bund halte, soll es mir gehen wie den Tieren, dann bin ich tot. Oder positiv formuliert: Ich stehe mit meinem Leben für den Bund ein. Es ist mir – wie wir ja auch sagen – todernst damit.

Wie geht unsere Geschichte weiter? Geht Abraham zwischen den geteilten Tierhälften durch? Nein, aber ein rauchender Ofen und ein Feuer, das ist wohl ein Bild für Gott. Also: Gott comitted sich, steht mit seinem Leben für das ein, was er dem Abraham verspricht. Eine Zukunft, ein Leben mit Sinn, ein Leben in Fülle.

Darum geht es in der Fastenzeit. Gott steht mit seinem Leben dafür ein, dass dein Leben Zukunft, Sinn hat. In Jesus geht er dafür ans Kreuz und in den Tod. Dem nachzuspüren in unserem Leben wäre der Sinn dieser Fastenzeit… dem Gott, der sagt: ‚Gib dem Baum noch eine Chance.‘, dem Gott, der dem verlorenen Sohn entgegenläuft und ihn umarmt, dem Gott, der zur Ehebrecherin sagt: ‚Auch ich verurteile Dich nicht…‘

Ein kurzer Nachsatz. Ein tiefer Schlaf fällt auf Abraham, sagt die Lesung; das ist dasselbe Wort, das am Beginn der Genesis für die Erschaffung Evas aus der Rippe des Adam verwendet wird. Die Erfahrung, dass Gott für dich in den Tod geht, verwandelt das Leben Abrahams, verwandelt dein Leben in der Taufe und danach.

 

Auch Jesus wurde versucht – Predigt

Dr. Hans PockWelchen Versuchungen wurde Jesus ausgesetzt und wie ist er damit umgegangen? Was bedeutet das für uns? Mit diesen Fragen setzte sich Univ. Prof. Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 1. Fastensonntag (09.03.2025) auseinander.


40 Tage der Fastenzeit liegen vor uns – sie orientieren sich an den 40 Tagen, die Jesus vor seinem öffentlichen Wirken in der Wüste zugebracht hat. Dorthin hat ihn der Geist Gottes geführt. Es waren für Jesus 40 Tage der Besinnung darüber, wie er seinen Auftrag ausführen wird; wie er den Menschen die Botschaft von Gott künden wird. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn am Ende dieser 40 Tage Einsamkeit von Versuchungen Jesu die Rede ist.

Versuchungen gehören zum Leben eines Menschen: Es ist der Blick auf das, was wir nicht haben; was wir gerne hätten; es ist der Anreiz des Neuen, des Ersehnten. Wie sehen aber die Versuchungen Jesu aus? Und was können Sie heute bedeuten?

Darin geht es zuerst darum, dass Jesus falsche Vorstellungen seines Messias-Wirkens auf der Erde abwehrt. Er will nicht mit Zauberei und Magie wirken, sondern durch sein Leben und seine Worte die Herzen der Menschen erreichen.

  1. Versuchung: Irdisches den höheren Zielen vorziehen

Der Versucher trifft Jesus genau an dem Punkt: Soll er nicht seine Macht einsetzen, um seinen Hunger zu stillen; um satt zu werden? Aber Jesus sagt als Antwort auf den Versucher: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.“ (Mt 4,4)

Es ist eigentlich auch der Vorwurf, den Jesus immer wieder hören muss, auch heute noch: Warum heilt er nicht alle Kranken? Warum gibt er nicht allen etwas zu essen?

Die Antwort Jesu ist: Er ist nicht gesandt, um die Menschen von ihren irdischen Bedürfnissen zu heilen – sondern grundsätzlich vom ewigen Tod zu befreien. Hätte er damals nur einigen Menschen Nahrung verschafft – es würde heute keiner mehr von ihm reden. Der Hunger der Menschen ist aber ein viel tieferer: Es ist der Hunger nach Sinn im Leben! Es ist der Hunger nach Beziehung und Angenommensein.

 – und nicht von ungefähr spricht Jesus von sich selbst als dem wahren Brot, das letztlich den eigentlichen Hunger der Menschen stillen kann: den Hunger nach Sinn, nach Leben, nach Liebe.

 

  1. Versuchung: Frage der Macht

Der Teufel, der Versucher, zeigt Jesus alle „Macht und Herrlichkeit“ der Welt – es sind genau die Worte, die wir als Schlussformel des Vater-unser in den Mund nehmen.

Und ist die Versuchung nicht groß, auch heute noch? – Könnten wir Christen, wenn wir die Macht hätten, wenn wir an den Schaltstellen der Macht, der Politik sitzen würden – könnten wir nicht die Gesellschaft, die Welt besser verändern als nur durch die „Macht von unten“?

Aber Jesus verwirft dieses Konzept. Denn es ist ein Konzept, das in dem Schema von oben und unten denkt; von Mächtigen und Unterdrückten. Die Macht Jesu, mit der er der „Herr der Welt“ ist, ist die Ohnmacht am Kreuz.

Nicht umsonst schickt er seine Jünger ohne Beutel und Stab aus – seine Autorität ist die Macht des Ohn­mächtigen. Nicht von oben herab möchte er zu den Menschen sprechen, sondern als einer von ihnen, als einer, der mit den Menschen mitleidet, mit hofft, mit Angst hat, mit lachen und weinen kann. Jesus wehrt die Versuchung ab, durch Macht Gottes Botschaft den Menschen zu künden.

Er möchte den Menschen den Glauben an Gott nicht überstülpen, sondern sie durch sein Leben und seine Worte überzeugen. Dies ist sicher ein langsamerer, ein mühsamerer Weg – aber es ist der Weg, der uns Menschen ernst nimmt; der uns unsere Entscheidung nicht abnimmt; der uns die Möglichkeit gibt, uns frei für Gott zu entscheiden.

 

  1. Versuchung: Ruhm

Die 3. Versuchung stellt Jesus auf den Tempel; er soll mit einer Demonstration seiner Macht die Menschen an sich ziehen, indem er Gottes Hilfe ausnützt. Aber auch hier unterliegt Jesus der Versuchung nicht: Jesus wählt nicht die Variante des schnellen Erfolges; des „Superman“, der mit einem Handstreich die Massen an sich zieht.

Jesus wählt vielmehr die „Fußgängervariante“: Er wandert von Dorf zu Dorf und versucht die Leute durch sein einfaches Leben und sein Wort für Gott zu gewinnen. Er kann warten, bis sich Gottes Größe in seiner Schwachheit offenbart. Dadurch aber hält er auch die menschlichen Grenzen ein: Denn auch uns wäre es oft lieber, in Superman-Manier manche Dinge zu erledigen, als in mühsamer Kleinarbeit und in kleinen Schritten etwas zu erreichen. Und doch ist gerade das langsam und mit Bedacht Gewachsene dasjenige, das wirklich Bestand hat. Jesus nimmt so den Alltag von uns Menschen ernst – und gleichzeitig stellt er auch Gott nicht auf die Probe.

Was aber hält Jesus in diesen Versuchungen? Es ist sein Glaube, der Glaube an Gott, der sein Vater ist. Es ist der Glaube, wie ihn in der 1. Lesung das Volk Israel formuliert: Der Glaube an den Gott, der das Volk durch alle Nöte geführt hat; der es aus der Bedrängnis, aus der Gefangenschaft Ägyp­tens befreit hat. Es ist nicht ein Gott, der sein Volk vor jeder Not bewahrte – aber er hat dem Volk in der Not geholfen.

Er erweist sich hier auch pädagogisch als sehr guter Vater: Er schirmt seine Kinder nicht vor jeder Gefahr ab; die Menschen müssen eben auch wie Kinder manchmal die Erfahrung machen, dass sie sich irgendwo verbrennen, um Gott dann wirklich zu glauben; aber er hält seinen schützenden Arm immer um uns, um sein Volk, dass es nicht verloren geht.

Wir beten im Vaterunser immer wieder: „Führe uns nicht in Versuchung.“ – Wir könnten auch beten: „Lass uns in der Versuchung nicht fallen“; d.h. stärke uns; stehe uns bei, wenn wir versucht werden. Jesus überwindet die widergöttlichen, die teuflischen Mächte, die Versuchungen – im Glauben an Gott.

Fastenzeit ist eine Zeit der Besinnung darauf, was uns wirklich im Leben trägt. Das, was unser Leben tragen kann und soll, sind die kleinen Schritte des Alltags. Bischof Weber (Steiermark) sprach immer wieder vom „Kleingeld“, das wir dazu brauchen. Die kleinen Münzen des alltäglichen Glaubens und Lebens, sie lassen unseren Weg auf Gott hin gehen.

Gott greift nicht mit großen Wundern ein – aber in den kleinen Geschehnissen des Alltags. Und genau da können wir Gott begegnen. Die Fastenzeit kann uns dazu eine gute Hilfestellung bieten.

Worum geht es in der Vorbereitungszeit auf Ostern?

Dr. Nikolaus KrasaAm Beginn der österlichen Bußzeit, am Aschermittwoch (05.03.2025), stellte Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark klar, worum es in der Vorbereitungszeit auf Ostern wirklich geht.


Es sind starke Bilder, die der Prophet Joel, ein Prophet aus dem 4. Jhdt., uns auf den Weg hinein in die österliche Bußzeit mitgibt. Da ist zunächst im Text die Einladung, sich auf den Weg zu machen, mit Vokabeln, die uns – denke ich – vertraut sind: Umkehr, Fasten, Weinen und Klagen, und nochmals Umkehr. Und mittendrin  – vielleicht mit einer ähnlichen Intention wie von Jesus in der Bergpredigt, der davor warnt, das zu äußerlichen Übungen verkommen zu lassen, also in unsere Zeit hinein gesprochen: Fastenzeit war dann erfolgreich, wenn ich 5 kg abgenommen habe, jeden Tag meinen Fastenvorsatz eingehalten habe, kurz, wenn ich mir und vielleicht sogar noch besser andere mir zustimmend zu Ostern auf die Schultern klopfen und sagen: Gut warst du, du hast es durchgezogen –  mittendrin also der Hinweis darauf, worum es wirklich geht mit einem einprägsamen Bild: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ – also um einen inneren Prozess, um etwas das mich innerlich verändert… Aber worum soll es in diesem innerlichen Veränderungsprozess gehen?

Wozu sich auf den Weg machen. Da lande ich beim 2. starken Bild dieses Lesungstextes, dem letzten Satz unserer Schriftstelle: „Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land und er hatte Erbarmen mit seinem Volk“. Man könnte sogar noch schärfer übersetzen: „Da wurde der Herr eifersüchtig auf sein Volk und er hatte Erbarmen.“ Ist das also die Schlussfolgerung: Wenn ich mir schon nicht selber auf die Schulter klopfen soll bei dem, was ich mir an Umkehr vorgenommen habe für diesen Weg, dann klopft mir wenigstens der liebe Gott auf die Schulter und sagt am Ende: „Brav warst du, bekommst einen Einser und darfst Ostern feiern.“ Das Evangelium, der Refrain, den Jesus nach den drei klassischen Werken der Fastenzeit setzt, würde das ja auch nahelegen: Dein Vater, der das Verborgene sieht… Ich glaube, auch das greift zu kurz. Denn: Letztlich hat der „Tag des Herrn“ – wie ihn Hosea nennt -dieser Moment, an dem Gott mit seinem Volk Erbarmen hat, stattgefunden, unüberbietbar stattgefunden. Das ist, was wir zu Ostern feiern. Und genau das ist der Schlüssel: Es geht nicht um Belohnung, von welcher Seite auch immer, es geht auf diesem Weg darum, Gottes eifernde Liebe für mich, sein Erbarmen mit mir neu zu erfahren, vertieft zu erfahren, mit neuer Kraft zu erfahren. Letztlich von Gott her zu erfahren, „was uns leben lässt“.

Das Wort bringt die Gedanken des Herzens zum Vorschein – Predigt

Dr. Christoph BenkeIn seiner Predigt am 8. Sonntag im Jahreskreis (02.03.2025) ging Dr. Christoph Benke in der Gemeinde Schönbrunn-Vorpark darauf ein, wie und was wir kommunizieren, was wir zu anderen sagen. Wie gehen wir mit unseren Emotionen um? Herz und Mund gehören zusammen – bei uns Menschen, aber auch bei Gott.


Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir müssen miteinander sprechen und uns mitteilen. Manche gehen zu einem Stammtisch, um Karten zu spielen oder nur für das gesellige Zusammensein. Gelegentlich kommt es dabei zu Diskussionen. Man sagt, was einem gegen den Strich geht. Ein Wort gibt das andere, es wird hitzig, schnell stehen vereinfachende Urteile im Raum. Und dann?

Ein Wort schafft Atmosphäre. Das Wort hat Kraft, kann eine Situation im Nu verändern, ja gänzlich umdrehen. Weil da so ist, gibt der Weise des Alten Testaments einen Rat: Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man den Unrat eines Menschen in seinem Denken. (Sir 27,4) Das meint wohl: ‚Lass dich in deinem Reden nicht gänzlich von der unmittelbaren Emotion leiten. Schüttle zuerst das Sieb, prüfe, was du laut sagen willst – und den Unrat, das, was jetzt nicht passt oder gar böse ist, halte zurück. Denn das Wort bringt die Gedanken des Herzens zum Vorschein.‘ (V 7)

Manchmal brauchen wir jemanden, bei dem wir unseren Frust abladen können. Dieser Mensch kennt uns und kann unsere Worte einordnen. Davon zu unterscheiden ist die Kritiksucht: also die Sucht, ständig alles bewerten und beurteilen – und wohl allzu oft ver-urteilen zu müssen. Woher kommt das? Um selber besser dazustehen und sich überlegen zu fühlen? Aus einer tiefer liegenden Unzufriedenheit oder Leere? Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? (Lk 6,41) – so kommentiert Jesus diese Kritiksucht.

Wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund (V 45). Herz und Mund: Die beiden gehören zusammen. Ganz eng ist das bei Gott: Gott spricht zur Welt. Sein Wort ist Jesus Christus. Er möge uns ein reines Herz schenken. Dann wird gut, was wir denken und sprechen.

Die Auferstehung ist der rote Faden

Arthur SchwaigerIn seiner Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis in Schönbrunn-Vorpark ging Diakon Mag. Arthur Schwaiger auf die Spannungen und Widersprüche in unserem Leben ein. Ein roter Faden kann dann hilfreich sein. Das Neue Testament, aber nicht nur dieses, zeigt uns die Auferstehung als roten Faden unseres Glaubens.


  • Wir erfahren in unserem Leben immer wieder, dass wir auf Abwegen/Irrwegen/Unwegen/Umwegen…unterwegs sind.
  • Wir wissen um unsere Spannungen von Ideal und Wirklichkeit.
  • Wir setzen uns immer wieder Widersprüchen aus.

Die Folge ist, dass es dann zu einem Durcheinander in unserem Leben kommt! Zugleich suchen wir Bleibendes und Konstantes. Da taucht dann das Bild vom roten Faden auf. Goethe erklärt dies in seinen „Wahlverwandtschaften“ folgendermaßen:

„Wir hören von einer besonderen Einrichtung der englischen Marine: Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“

Diese Tradition besteht seit 1776 in Englands Flotte.

In den NT-Schriften zieht sich – vorbereitet durch die AT-Spätschriften (vgl. z.B. 2 Makk 7) – die Botschaft der Auferstehung durch wie ein roter Faden: Vom ältesten Paulusbrief  –  1 Thess ist noch von der baldigen Wiederkunft Christi überzeugt  –  bis zu unserer heutigen Stelle aus dem 1 Kor  –  das 15. Kapitel handelt das Auferstehungsthema ab  –  bezeichnet der Verfasser den Auferstehungsglauben als das CHRISTLICHE schlechthin. Der ganze Glaube hätte dann keinen Sinn und Nutzen mehr!

Die Evangelien – Mk/Mt/Lk – berichten über die Auferstehung in den Ostererzählungen.

Am Beginn des 2. Jhdts. lässt der Verfasser des Joh-Evangeliums Jesus sagen: Ich bin die Auferstehung! Die Auferstehung wird Person!

Ich lade uns alle ein, dass wir den roten Faden der Auferstehung nicht aus den Augen verlieren, der uns sagt: Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern das Leben, weil auch Christus auferstanden ist!

Gott will dich brauchen

Dr. Christoph BenkeAusgehend von der Berufung des Jesaja (Jes 6,1-8) stellte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 5. Sonntag im Jahreskreis (09.02.2025) die Frage, wer und wo Gott ist. Wie reagiert der Mensch, wenn er von und mit Gott konfrontiert wird?


Wer ist Gott? Wo ist Gott? Wo und wie zeigt sich dieses Geheimnis, das wir in unserer religiösen Sprache Gott nennen? Auch Sie, liebe Glaubende, sind fasziniert von dieser Frage! Warum sonst wären Sie hier? Alle erhoffen wir erhoffen uns einen Hinweis, „wo Gott wohnt“.

Manchen ist ein besonderes Erlebnis gegeben – wie Jesaja. Er sieht den Herrn, die Erde ist von der Herrlichkeit des Herrn erfüllt, umgeben von Engeln, die Türzapfen erbeben, Rauch erfüllt den Raum. Jedenfalls bricht etwas ganz Anderes, nicht Alltägliches herein. Es überfordert den Menschen gänzlich. Dazu notiert die Bibel oft zwei Reaktionen vonseiten des Menschen. Die erste: Weh mir! Bricht Gott in das Leben eines Menschen ein, überfordert dies immer seine Kapazität.

Die zweite Reaktion: Weh mir! Denn ein Mann unreiner Lippen bin ich. Der Mensch hat dann das Gefühl: ‚Das passt nicht zusammen. Gott ist Licht, Gott ist gut. Aber in mir ist auch Dunkelheit und Verschlagenheit (Unreinheit); nein, ganz böse bin ich nicht, aber auch nicht einfach gut.‘ Wo man dem Licht und der Liebe begegnet, einem durch und durch gütigen Menschen, dort kann einem das zum Spiegel werden.

Aber das macht nichts. Wer Gottes Berührung zulässt, den reinigt Gott. Denn um seine Herrlichkeit auszubreiten, will Gott den Menschen brauchen: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich!

Es muss keineswegs so spektakulär zugehen wie bei Jesaja. Immer meint Gott den Menschen ganz persönlich und innig. Entscheidend ist, sich Gott zur Verfügung zu stellen und zu fragen: ‚Lieber Gott, offensichtlich willst du mich brauchen. Was kann ich für Dich tun?‘

„Glaubst du das?“

Dr. Hans PockWoche der Einheit, 19.1.2025

In seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark griff der Wiener Pastoraltheologe, Univ. Prof. Dr. Johann Pock das Motto der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen „Glaubst du das?“ auf. Er ging dabei auf die Bedeutung des Konzils von Nicäa vor 1700 Jahren ein, das verbindlich für alle Christen festhielt, dass Jesus Sohn Gottes ist. Daran schloss er die Frage, was das für uns heute bedeutet, und stellte auch einen Zusammenhang mit dem Dankgottesdienst für Kardinal Schönborn am Vortag her.


„Glaubst du das?“ So lautet die drängende Frage dieser Woche der Einheit – gewählt als Motto von der diesjährigen Vorbereitungsgruppe dieser Gebetswoche. „Glaubst du das?“ – als bedrängende Frage an mich persönlich – aber auch an uns als Glaubensgemeinschaft.

Aber woran glauben wir als Christen eigentlich? Viele Menschen sagen von sich, dass sie schon gläubig sind – aber die sich halt aussuchen, woran sie glauben.

300 Jahre lang war das Christentum nicht offiziell anerkannt, teilweise verfolgt. Mit Kaiser Konstantin wurde es öffentlich. Und es wurde auch sichtbar, dass sich in den 300 Jahren seit Jesu Tod und Auferstehung unterschiedliche Glaubensrichtungen entwickelt hatten, nicht zuletzt zwischen Ost und West, zwischen der römischen, lateinischen Tradition und der östlichen, griechischen Tradition.

Eine zentrale Frage war schon damals: Ist Jesus einfach ein sittliches Vorbild, ein Lehrer der Humanität, eine Figur der Vergangenheit – oder begegnet uns in seiner Person auch heute Gott? Was können wir von diesem „Jesus“ überhaupt glauben?

Der Kaiser und nicht der Papst, also der Bischof von Rom, hat damals das erste Konzil einberufen – und es war im Jahr 325 eine relativ kleine Versammlung von Bischöfen vor allem aus dem Osten des Reiches in dem kleinen Nizäa, in der heutigen Türkei.

Und die Antwort des Konzils lautet: Jesus ist Sohn Gottes. Und dieser Sohn ist „wahrer Gott vom wahren Gott“, „gezeugt, nicht geschaffen“, „eines Wesens mit dem Vater“. So lautet es seither in unserem Glaubensbekenntnis, das alle christlichen Konfessionen eint.

Diese Wendungen klingen heute vielleicht eigenartig. Aber sie verteidigen die Gottheit Jesu Christi gegen jede Relativierung. Der Sohn ist dem Vater nicht untergeordnet, sondern beide sind gleichermaßen Gott.

Damit ist Gott aber kein unberührbares Prinzip irgendwo in den Sphären, irgendein philosophischer Begriff – sondern er ist in sich Beziehung, lebendig. Die biblische Aussage „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8.16) hat so eine begriffliche Fassung gefunden. Und sie hat in Jesus ein Gesicht, „Hand und Fuß“, Fleisch bekommen, wie wir jährlich zu Weihnachten bekennen.

Das Bekenntnis von Nizäa verbindet Katholiken, Orthodoxe und Protestanten, es ist ökumenisch von höchster Bedeutung.

Und das passt dann auch zum Evangelium dieses Sonntags: Nämlich dem Bericht vom ersten Wunder Jesu, das er gewirkt hat.

„Die Hochzeit von Kana“ – sicher eines der bekanntesten Evangelien und eingegangen in die Populärkultur und in viele Witze und Kabaretts. „Wasser in Wein“ zu verwandeln gilt häufig so als typisch christliche Handlung – nicht zuletzt wegen der Verwendung von Wasser und Wein bei der Messe.

In diesem Evangelium geht es natürlich weniger um die Wunderkraft Jesu, als vielmehr um ein Zeichen, wer dieser Jesus ist. Und es geht dabei um das Glauben-können: Was traue ich diesem Jesus zu? Wofür halte ich ihn?

Es geht in unserem Glauben nicht darum, ob ich an solche Wunder glaube; wohl aber, ob ich glaube, dass dieser Jesus mehr ist als ein weiser Mann; mehr, als ein guter Lehrer oder ein Humanist. Mehr als ein Zauberer.

Es geht um den Glauben daran: Da ist einer, der nicht nur von Gott spricht, sondern der eins ist mit diesem Gott, ja der selber Gott ist. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ heißt es an anderer Stelle.

Interessant ist für mich im Evangelium dann, dass dieses Glaubenkönnen sich in einem Tun ausdrücken soll: Maria sagt zu den Jüngern: „Was er euch sagt, das tut!“

Für mich ist das eine tolle Stelle: Immer wieder gibt es vielleicht im Leben Momente, wo der Glaube an Gott infrage gestellt ist. Wo man nicht so einfach sagen kann: Ja, ich glaube. Dort, wo wir liebe Menschen verloren haben; dort, wo es Krankheit und Leid gibt; dort, wo Menschen in aussichtslosen Situationen sind, in Kriegen. Wie kann man da an einen liebenden Gott glauben?

Einen Weg zeigt Maria: „Was er euch sagt, das tut!“ – Trotz einer Glaubenskrise nach dem Wort Jesu handeln.

Unser Erzbischof hat es gestern in der Abschiedsmesse im Stephansdom in freien Worten am Schluss seiner Predigt so benannt: Bei der Frage – ja, wo bist du Gott in allem Leid? – zu sagen: Er ist in unserem „Wohl-Wollen“ – also dort, wo wir es gut mit anderen meinen; wo wir Gutes tun; wo wir auf die Nächstenliebe schauen.

Jesus ist eins mit Gott; er ist wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch. Durch ihn ist alles erschaffen, so heißt es im Glaubensbekenntnis – und deshalb können wir auch in den Menschen um uns herum und in der Schöpfung Gott entdecken.

Den Glauben selbst kann einem niemand abnehmen. Glaubst du das? Die Antwort darauf muss jeder und jede selbst finden: im Gebet; in der Liturgie, im Wohlwollen oder Gutes Tun.

Aber als Gemeinschaft können wir uns gegenseitig stützen, vor allem wenn der Glaube unsicher wird. Dazu feiern gemeinsam Gottesdienst. Dazu beten wir gemeinsam auch immer wieder das Glaubensbekenntnis: Um nicht zu vergessen, worauf unser Glaube aufbaut: Auf dem Bekenntnis und den Erfahrungen von Menschen über Jahrtausende hinweg, dass Gott nahe ist; dass er Beziehung und Liebe ist, Vater – Sohn und Geist. Und dass wir ihm begegnen können, auch heute noch.

Weihnachten ist nicht Retrospektive, sondern Perspektive

Dr. Christoph BenkeÜber die Sehnsucht nach einem Weihnachten, wie es früher war, bzw. Weihnachten wie immer predigte Dr. Christoph Benke beim Hochfest der Geburt des Herrn am Christtag (25.12.) in Schönbrunn-Vorpark.


Unlängst ist mir während des Autofahrens ein Lied von Wolfgang Ambros begegnet. Es trägt den Titel Weihnachten wie immer …. Dort heißt es: I will doss echte Kerzen brennen, / doss echte Lieder gsungen werdn,/ wir Liebe geben, sovül ma kennen,/ und über Bethlehem an Stern./ I will mei Weihnachten wie immer, / wie’s immer wor – soll′s immer sein,/ i will den Glanz i will den Schimmer.

Mit dieser Sehnsucht nach einem Weihnachten, wie’s früher war‘ spricht ‚Wolferl‘ vielen Menschen aus der Seele. Es ist der Wunsch nach weniger Kommerz und Kitsch, nach weniger Keks und Glühwein, nach Reduktion, Innehalten und Besinnung. Weihnachten wie immer berührt etwas in unserem Innersten: die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach einem Ort, an dem Frieden und Lieben herrschen, nach einem Zustand der Geborgenheit und Harmonie. – Könnte es nicht sein, dass sich darin die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies ausspricht und, ja, die Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes?

Von diesem Gott erzählt die Heilige Schrift, dass er die Liebe ist (1 Joh 4,16). Und die Heilige Schrift erzählt noch mehr: Diese Liebe ist jetzt unter uns Menschen Fleisch geworden. Sie ist Mensch geworden und wohnt unter uns (Joh 1,14), in dieser wunderbaren und zugleich völlig verrückten und fürchterlichen Welt.

Die Welt nimmt das kaum zur Kenntnis. Und doch ist aus Sicht des Glaubens alles anders geworden. Gott hat sich seiner Welt ausgeliefert und er nimmt sich nicht mehr zurück. Seither hat unser Leben einen Goldgrund, ja: Glanz und Schimmer.

Der Wunsch nach einem Weihnachten wie immer rührt wohl auch daher, dass das Vertrauen in die Zukunft mittlerweile eine geistige und geistliche Herausforderung ist. Die Welt ist in einem schlechten Zustand. Aber Hoffnung ist keine Frage des Temperaments, so als ob sich die Optimisten damit leichter täten. Hoffnung ist eine Frage des Willens und des Glaubens. Nur auf Weihnachten wie immer zu setzen ist ein sentimentales Retro. Christentum ist aber keine Retrospektive, sondern eine Perspektive. Seit Weihnachten, der Fleischwerdung des Wortes, hat sich Gott an diese Welt gebunden. Er nimmt diese Bindung, diesen Bund nicht mehr zurück und führt die Welt und die Menschen heim zu sich. Hoffnung ist also kein Wunschdenken, sondern eine gläubige Perspektive, ist Zuversicht aus dem Glauben. Sie lebt aus dem Staunen über das göttliche Kind.

Ein wehrloses Kind

Dr. Christoph BenkeÜber den Gegensatz von Gewalt und Hass auf der einen und Gewaltlosigkeit und Feindesliebe auf der anderen Seite predigte Dr. Christoph Benke in der Heiligen Nacht in Schönbrunn-Vorpark.


Was ist derzeit das Problem Nr. 1? Was ist der schlimmste der vielen Brennpunkte in der Welt und womöglich auch im eigenen Leben? Im Blick auf das vergangene Jahr legt sich die Antwort nahe: Hass und Gewalt. Krieg im Nahen Osten, in der Ukraine; Gewalt zwischen den Geschlechtern und Generationen, Gewalt gegen Kinder und gegen Alte, Vergewaltigung der Mutter Erde, der Tiere, der Kreatur. Feindbilder sind ganz schnell bei der Hand. Im Nu wird abgestempelt und fertiggemacht. Und dazu eine große, merkwürdige Unzufriedenheit, in einem Land, das funktioniert und zu den reichsten Ländern der Erde zählt.

Gewalt ist seit Kain und Abel das Schattenthema im Fortschritt. Manches wird besser. Verbessert werden aber auch Foltermethoden, Aufrüstung und Kriegführung. Es leitet uns die Angst, zu kurz zu kommen: Von dort kommt das egoistische Verhalten. Die Angst, zu kurz zu kommen, schlägt fast automatisch um in Futterneid, Rivalität, Krieg und Ausbeutung.

Wie aus diesem Dilemma herauskommen? Nach christlicher Überzeugung gibt es nur einen Weg: gewalt- und selbstlos mit anderen vorangehen, mit anderen und für andere. Dieser Weg hat keine Alternative. Er wird an Jesus sichtbar, und zwar schon von Beginn seines Lebens an: Er heißt Fürst des Friedens. Wenn er kommt, wird abgerüstet: Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers (Jes 9,4-5). Was ist gewaltloser, was ist wehrloser als ein kleines Kind?

Dieses kleine Kind, das Jesus-Baby verkündet bereits eine Botschaft – ohne zu reden. Das Kind ist bereits als Kind die Rettung. Es braucht gar nichts zu sagen. Es ist die Botschaft von der Feindesliebe als einzige Alternative: groß denken vom anderen Menschen, der Menschenwürde Raum schaffen und von den Ego-Interessen absehen zugunsten des Gemeinwohls.

Jesus hat die Gewaltlosigkeit gewählt und sich für die Feindesliebe entschieden. Immer wieder und bis zuletzt blieb er dieser Wahl treu. Heute feiern wird das wehrlose Kind, am Ende seines Lebens steht er da als wehrloses Lamm. Und Gott-Vater wird diese Wahl in der Auferweckung seines Sohnes bestätigen.

Heute feiern wir das wehrlose Kind. Wenn wir es mit seiner Anbetung ernst meinen, können wir dann noch anders als die Hand zu reichen und den ersten Schritt zu tun?

Erwählung und Erlösung der ganzen Menschheit

Dr. Hans PockIn diesem Jahr verdrängte das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ durch ihre Mutter Anna („Mariä Empfängnis“) den 2. Adventsonntag (08.12.2024). Dr. Johann Pock stellte in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die zentralen Aussagen dieses Festes dar: Neuanfang – Erwählung – Erwählung in Vollkommenheit. Und es geht dabei nicht nur um Maria, sondern um die ganze Menschheit.


Ich sage meinen Studierenden in den Predigtkursen immer: Am schwierigsten sind die Marienpredigten. Jedes Jahr haben wir unzählige Marienfeste, Wallfahrten zu Marienkirchen, Dreizehntenwallfahrten … und fast immer dieselben Bibelstellen, und fast ausschließlich das heutige Evangelium nach Lukas: Die Verkündigung an Maria.

Und dabei ist das für heute das falsche Evangelium: Es leitet nämlich in die Irre. Bei „Mariä Empfängnis“ geht es um den Anfang des Lebens von Maria – also um Joachim und Anna, ihre Eltern. Das findet sich aber leider nicht in der Bibel – sondern nur im nicht biblischen, „apokryphen“ Jakobusevangelium. Daher ist 9 Monate nach dem 8. Dezember das Fest Mariä Geburt (8.9.); 9 Monate vor dem Weihnachtsfest jedoch der 25. März, das Fest der Verkündigung des Herrn.

Insofern ist der 8. Dezember anders als andere Marienfeste. Hier feiern wir eigentlich gar nicht Maria, oder eine ihrer Leistungen – sondern wir feiern die Erwählung und Erlösung der ganzen Menschheit.

  • Es geht um einen Neuanfang

Das Festgeheimnis sagt uns: Gott hat einen Neuanfang mit den Menschen gesetzt. Die Menschheit hat sich immer mehr in Sünden verstrickt. Aus dem Teufelskreis dieser Verstrickung konnten sie aus eigener Kraft nicht mehr entkommen – und genau das bezeichnen wir als „Erbsünde“ – also etwas, was nicht unsere persönliche Schuld ist – aber was unser Leben dennoch beeinträchtigt. Deshalb wird auch zu Mariä Empfängnis die Lesung vom Sündenfall gelesen (Gen 3): Den Menschen wurde die Freiheit geschenkt – und sie haben die Freiheit immer wieder auch missbraucht und Böses damit angestellt.

Die Bibel erzählt, dass Gott schon einmal einen solchen Neuanfang gemacht hat: Zur Zeit Noahs, als die Sünden der Menschen überhandnahmen und er nur mehr wenige Gerechte fand. Damals ließ er die sündige Welt untergehen; die Welt wurde gleichsam reingewaschen – und nur einige Gerechte überlebten in der Arche Noahs.

Doch Gott schwor damals auch: Nie wieder wird er die Welt in dieser Form vernichten – dafür steht sein Bundeszeichen, der Regenbogen.

  • Erwählung von Anfang an

Der Neuanfang diesmal setzt tiefer an: Gott sendet seinen Sohn, der als Mensch geboren werden soll. Dazu erwählt er eine Frau aus dem Volk, ein einfaches Mädchen – sie wird gnadenhaft erwählt zur Mutter des Herrn. Und genau das feiern wir heute: Von Anbeginn ihres Lebens im Mutterleib ihrer Mutter Anna war sie von Gott erwählt – und gleichzeitig auch befähigt, die Mutter Jesu zu werden.

Von Gott her war somit alles bereitet – und trotzdem musste sie selbst in ihrem Leben dann noch zustimmen. Ihre persönliche Entscheidung war es, etwas zu machen aus ihren Fähigkeiten, aus den Gnadengaben Gottes: So wie jeder Mensch Möglichkeiten geschenkt bekommt – und dann die Freiheit hat, was er damit anfängt.

Marias „Leistung“ war es, dass sie die Möglichkeit zum Sündigen nicht nützte: Jeder Mensch hat freien Willen – und damit auch die freie Möglichkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden; für oder gegen das Gute – und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Maria entschied sich immer wieder für das Gute, so verehren wir sie in unserer Tradition.

  • Erwählung zur Vollkommenheit

Mariä Empfängnis ist damit aber ein Fest der ganzen Menschheit: Es ist jenes Fest, in dem es um die Möglichkeit der „Vollkommenheit“ geht – aber auch darum, dass Gott für unsere Un-Möglichkeiten und Un-Vollkommenheiten geradesteht.

„Perfektion“ ist ja ein großes Bestreben gerade unserer Zeit: Alles möglichst perfekt zu machen – doch wir schaffen es nur sehr begrenzt, perfekt zu sein. Genau deshalb kommen wir als Christen zusammen: weil wir nicht vollkommen und perfekt sind – aber uns gegenseitig unterstützen. Deshalb feiern wir Eucharistie: Als Dankesfeier, dass da einer für unsere Sünden und Unvollkommenheiten sogar sein Leben gegeben hat. Und Maria war es, die mit ihrer freien Entscheidung dieses Opfer Jesu ermöglicht hat.

Vor einiger Zeit hat ein wunderbarer christlicher Dichter, Josef Dirnbeck, sich Gedanken gemacht über das Vollkommen-Sein von Christen:

 

Wenn wir vollkommen wären

Wenn wir vollkommen wären,
hätten wir einander nicht nötig.
Weil wir schwach sind,
brauchen wir Anerkennung.
Weil wir Fehler haben,
brauchen wir Verständnis.
Weil wir unsicher sind,
möchten wir akzeptiert werden.
Weil wir wandelbar sind,
können wir einander verwandeln.
Weil wir unvollkommen sind,
können wir einander lieben.
Wenn wir vollkommen wären,
hätten wir einander nicht nötig.

(Josef Dirnbeck)

 

Wir feiern also Marias Vollkommenheit – und erfreuen uns unserer Gemeinschaft, die es uns ermöglicht, in unserer Unvollkommenheit trotzdem glückliche Menschen zu sein.